Arabelle von Arion

Blog #5 - 2020 Juli

Da sitzt sie, gemütlich die Beine hochgelegt, nippt genüsslich an ihrer Schale Tee, im Halbschatten des Gartens, so als wäre sie hier ganz und gar Zuhause, fröhlich plaudernd und gestikulierend, als wären wir lange Bekannte oder gar Freundinnen.

Heute morgens steht sie plötzlich vor der Haustüre. Mein erster Gedanke ist, wahrscheinlich ist sie eine Nachbarin, die auf einen Einstandsplausch vorbei kommt, um sich vorzustellen, da wir gerade erst hierher gezogen sind. Sofort schmettert sie mir ein "Halli, Hallo, meine Liebe, wie ich mich freue!" entgegen, überreicht mir fröhlich einen Strauß Sommerblumen und eine Packung Tee und umarmt mich stürmisch. Dann ruft sie laut aus: "Da bin ich wieder!" und geht schnurrstracks an mir vorbei ins Haus hinein, mich komplett überrumpelt hinter sich lassend. Und nun sitzt sie im Garten und plaudert fröhlich weiter. Du wirst dich jetzt vielleicht fragen, wer ist das? Ich habe keine Ahnung!

Ich habe tatsächlich keine Ahnung, mit wem ich gerade auf der Terrasse sitze und eine Schale Tee mit einem Flöckchen Obers trinke. Nachdem sie mich zum wiederholten Male herzlich anlächelt, als wären wir sehr gute und langjährige Freundinnen, prostet sie mir mit dem Tee zu und sagt: "Den magst du doch so gerne! Ich habe es nicht vergessen!" und zwinkert mit zu.

"Aha?", sage ich staunend, mehr fällt mir dazu nicht ein, denn ich bin nicht wirklich eine Teetrinkerin. Überraschenderweise schmeckt mir der Tee aber tatsächlich sehr gut.

"Wie wunderschön!" ruft sie mit staunendem Blick in Richtung Garten erneut aus. Schon als ich den Tee zubereitete, rannte sie barfuß, die Arme weit ausgebreitet, durch den Garten und rief immer wieder "Oh wie wunderschön! Wie wunderwunderschön! Und alles so manifest! Herrlich, das wieder einmal genießen zu können!". Nun doch ein wenig überfordert von dem ganzen Spektakel entscheide ich mich zu fragen: "Ähem, Entschuldigung, aber woher kennen wir uns nochmal?"

"Oh meine Liebe, du hast mich doch nicht vergessen, oder? Ich bin's! Arabelle von Arion! Wir kennen uns seit Millionen von Jahren. Wir sind ganz alte Freundinnen! Beste Freundinnen!". "Schwestern!" fügt sie hinzu. "Und heute hat es doch tatsächlich nach längerer Zeit wieder einmal geklappt. Das Sternentor stand im genau richtigen Winkel zu Mars und Jupiter und da nahm ich doch schnell die Gelegenheit wahr, dir mal wieder Hallo zu sagen. So von Körper zu Körper!"

"Sternentor? Winkel? Mars? Jupiter?", stammle ich zurück. Als Arabelle meine Verwirrung bemerkt, blickt sie mich verständnisvoll lächelnd an "Sorry, liebste Freundin! Ich habe gar nicht mehr daran gedacht, an euer inkarniertes Vergessenssystem auf diesem Planeten! Da ist es ja kein Wunder, dass du dich nicht sofort an mich erinnern kannst. Ich persönlich verstehe es ja nicht, warum die Erdlinge an diesem System noch immer so hängen. Also für mich wäre das nichts, immer wieder neu anfangen zu müssen, sich zu erinnern. Deshalb bleibe ich lieber bei meinen Besuchen, zumindestens vorerst mal. Aber wie ich in einer der letzten Galacticnews hörte, seit ihr ja mittlerweile schon wesentlich schneller mit euren Erinnerungen. Hast du etwa auch vergessen, dass das mal dein Lieblingstee war?" Sie nimmt lachend meine beiden Hände in die ihren und schaut mir tief in die Augen.

Und was ich dort sehe, haut mich fast vom Gartensessel. Wie in einem 3-D-Kinofilm versinke in unbekannte Zeiten und reise über Ozeane und Länder, die ich nur aus Filmen und Dokumentationen kenne. Plötzlich sinke ich hinab in grüne Teeplantagen, die terrassenförmig über viele Kilometer hinweg angelegt sind und schließlich sehe ich mich und Arabella in einem schattigen Garten sitzen und Tee trinken. Ja, das alles kommt mir plötzlich sehr bekannt vor.

Bevor ich aber noch mehr darüber nachdenken kann, geht es schon weiter. Vorbei an Sonnensystem und Milchstraße, quer durchs Universum und wieder erscheint ein Bild, an das ich mich jetzt erinnere.

Arabelle und ich tanzen, fast ein wenig schwebend, Hand in Hand auf einer buntglitzernden Wiese und singen: "Sterngeschwister, Sternenkinder, großer Mut und Weltenfinder. Das sind wir und bleiben wir. Wir sind dort und immer hier. Hand in Hand und Welt in Welt, universenweit, wie's uns gefällt. Nie vergessen, immer wahr, alles ist für immer da. Keine Zeit kann je bestehen, dass wir uns nicht wiedersehen. Sternentor, es öffnet sich, bringt Neues uns, für dich und mich. Ewig sind wir eins und ein, finden immer unser Heim. Hier und heute und auch morgen. Sternenkind, musst Dich nie sorgen!"

Ja! Dieses Lied kenne ich und auch wenn ich noch etwas verwirrt dreinschaue, ist mir nun bewusst, dass Arabelle und ich uns schon lange kennen. "Wundervoll!", strahlt sie jetzt, "du erinnerst dich wieder, zumindestens irgendwie. Lass uns keine Zeit verlieren. Zeig mir dein jetziges Zuhause. Ich will alles sehen und alles Neue hören. Es hat sich mächtig viel verändert seit meinem letzten Besuch. Ihr seid ja sehr kreativ gewesen in den letzten 250 Jahren."

Also, um es abzukürzen, denn du hast ja nicht den ganzen Tag Zeit so wie Arabelle und ich es hatten. Das, was ihr am besten gefiel, war das Autofahren. Sie fand es eine wundervolle Schöpfung, wenn auch noch nicht ganz so fortschrittlich als Fortbewegungsart, wie sie es auf anderen Planeten kennengelernt hatte. Sternenkinder kennen offensichtlich andere Fortbewegungsmöglichkeiten. Sie erzählte mir auch, dass der Stern Arion derzeit wegen sehr großflächiger Renovierungsarbeiten nicht bewohnbar sei und daher alle dortigen Sternenkinder für die nächsten, man könne es noch ganz nicht abschätzen, möglicherweise einige Milliarden Jahre erdlicher Zeitrechnung auf den Planeten Vicinarion ausweichen hätten müssen. Was aber ohnehin viel besser sei für sie und so auch für die Besuche auf der Erde, denn der jetzige Winkel des Sternentores zu Mars und Jupiter läge um einiges günstiger und sie könne daher demnächst öfter mal vorbeischauen als nur alle 100 bis 200 Jahre. Wir hatten einen wirklich schönen gemeinsamen Tag und ich muss schmunzeln, wenn ich daran denke, wie sie während der fröhlichen Autofahrt mit offenen Fenstern und im Wind wehenden Haaren, aus dem Fenster hinausrief: "Ich bin's! Arabelle von Arion! Sternenkind 306662012!". Jedenfalls ließen sich die entgegenkommenden Autos von der Fröhlichkeit anstecken und winkten alle freudig zurück.

Als wir uns am späten Abend, als die ersten Sterne am Himmel sichtbar werden, voneinander verabschieden, dreht sie sich noch einmal um und kichert: "Übrigens, soll ich das nächste Mal noch einmal den gleichen Tee mitnehmen oder vielleicht doch eine Flasche Prosecco? Dann nehmen wir uns halt ein Taxi! Oder vielleicht gibt's dann ja überhaupt schon ganz andere Möglichkeiten!"

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Doris Herzog

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