Die Geschichte von Golden Edge

Blog #04 - 2020 Juni

Ich liebe den Wald! Ich liebe es, im Atem des Waldes auszuruhen und in ihn einzutauchen. Deshalb gehe ich beim ersten schönen und heißen Sommertag gerne im Wald spazieren. Die Luft dort ist klar und frisch und jeder Schritt führt hinein ins satte Hell- und Dunkelgrün. Dabei vergesse ich meist Zeit und Raum. Kein Alltagslärm dringt mehr in dieses Paradies hinein und von weitem höre ich schon das Plätschern des kleinen Waldbaches. Die ersten Pilze duften und hin und wieder nasche ich an den nahen Heidelbeersträuchen. Mit einer inneren Leichtigkeit, die nur diese Natur in mir auslöst, überquere ich den Waldbach über einige in ihm liegende Steine und gehe immer tiefer hinein in den kühlen Forst. Vögel rufen und zetern und es raschelt im Gebüsch. Mir scheint sogar, als sei da ein tiefes Brummen im Dickicht vor mir, aber als ich innehalte, um zu hören, vernehme ich nur die üblichen Waldgeräusche und gehe weiter.

Vor mir liegt eine weite Flur, eine Lichtung mit einer großen Blumenwiese, durch die der Waldbach seine Mäander zieht. Ein wenig überrascht es mich, denn obwohl ich den Wald sehr oft besuche, diese Wiese kenne ich noch nicht. Ich setze mich mit dem Rücken an einen der Bäume am Rand der Lichtung ins bequeme weiche Gras und schließe meine Augen. Hier höre ich das Summen der vielen Insekten und das Rascheln des Windes in den hohen Bäumen. Wieviel Zeit vergangen ist, weiß ich nicht, aber plötzlich vernehme ich rechts hinter mir ein etwas lauteres Rascheln, welches immer intensiver und nun sogar zu einem lauten Knacken wird. Neugierig wende ich meinen Kopf ein wenig nach rechts und mir bleibt fast der Atem stocken. Etwa vier Meter entfernt tritt ein mächtiger Hirsch aus dem Geäst hervor. Er wendet sein Haupt nach links und nach rechts und hebt sein mächtiges Geweih. Das ist mindestens ein Sechzehnender überblicke ich, da tritt er bereits noch etwas näher an mich heran. Zu überrascht von diesem Ereignis und nahezu atemlos bin ich nicht imstande irgendeine Regung zu tun. Wir schauen uns einfach nur an. Nun steht er ca. zwei Meter seitlich von mir entfernt und senkt und hebt sein Haupt und sein Geweih, so als würde er mich grüßen. Und dann, es ist wahrlich kaum zu glauben, fängt er an zu sprechen. "Liebe Schwester, ich grüße Dich!". Seine Stimme ist tief und brummend und erinnert mich an das Geräusch, das ich vorhin schon gehört hatte.

Ich bin sprachlos, nicke aber freundlich zurück. Er hingegen ist nicht um Worte verlegen und spricht weiter: "Wie schön, ich freue mich sehr über Deinen Besuch!" Als ob wir diese Begegnung geplant hätten. "Du hast Dir einen wunderschönen Platz ausgesucht, mich zu treffen", sagt er. "Auch ich liebe diese Lichtung sehr!" Ich nicke erneut und bin einfach überwältigt von diesen schönen und sanften Augen. Er fährt fort und brummt, "Du möchtest sicherlich wissen, warum wir beide hier sind, oder?" Ich nicke neugierig. Angst verspüre ich keine. Alles erscheint mir vollkommen sicher.

"Du magst interessante Geschichten, also erzähle ich Dir jetzt eine Geschichte, von der ich denke, dass sie für dich interessant sein könnte. Ich wurde hier geboren, ganz tief drinnen in diesem Wald. Von Anfang an war ich aber anders als die anderen. Mein Fell hatte eine seltsame Zeichnung und als mein Geweih zu wachsen begann, hatte auch dieses eine andere Form und auch eine andere Farbe wie die der anderen. Ständig wurde ich gehänselt und abgelehnt, vor allem weil mein Geweih am Rande eine seltsame Prägung hatte, mit der ich ständig auffiel, wo es doch in manchen Situationen gar nicht angenehm ist im Wald aufzufallen. 'Verschimmeltes Hirschgeweih' riefen sie mich und meistens spielte ich daher alleine im tiefen Wald. Ich war so in etwa im Teenageralter, da kam es, dass es in einer dunklen stürmischen Nacht eine große Aufregung in unserer Gemeinschaft gab. Einer der Hirsche war schon seit einigen Tagen sehr schwach und unser Leithirsch sagte, der kranke Bruder müsse so schnell als möglich ein besonderes Kraut jener Lichtung zu sich nehmen, auf welche wir gerade schauen. Ansonsten würde er den nächsten Tag vielleicht nicht überstehen. Aber diese dunkle und stürmische Nacht war keineswegs geeignet, um eine kilometerweite Wanderung durch den dunklen Forst zu machen. Wenn wir jedoch auf die Dämmerung warten würden, wer weiß, ob unser Bruder den Tag dann überleben würde?

Ich stand wie fast immer etwas abseits, mein seltsames Geweih im Dickicht versteckt, weil ich mich darüber kränkte. Plötzlich deuteten einige der noch ganz jungen Hirschkälber auf mich und riefen: Schaut mal, wie das Geweih unseres Bruders hinter dem Geäst hervorscheint. Und alle sahen mich an. Ich schämte mich schier zu Tode. Aber einer meiner Lieblingsonkel kam auf mich zu und sagte: Vielleicht ist das unsere Rettung!? Mit deinem leuchtenden Geweih könntest Du vorangehen und uns den Weg zur Lichtung weisen. Wenn wir jetzt weggehen, sind wir im Morgengrauen auf der Lichtung. Ich muss gleich dazusagen, eigentlich wollte ich nicht. Damals war es mir nicht geheuer im dunklen Wald herumzuspazieren und schon gar nicht an allererster Stelle. Daher musste ich schon ein Weilchen überlegen. Aber der kranke Bruder war schon sehr schwach und bat mich ebenso darum, ihm zu helfen. Also nahm ich meinen Mut zusammen und schritt voran. Die ganze Gruppe ging mir nach, den kranken Bruder stützend in unserer Mitte. Ich schickte so manche Gebete an den großen Geist des Waldes und ging einfach weiter, Schritt für Schritt, irgendwie ahnend, dass hier etwas Außergewöhnliches geschah. Mein Geweih schien bei jedem Schritt zu wachsen und mehr und mehr zu leuchten. Das gab mir Vertrauen, weiterzugehen. Die Sonne war noch nicht aufgegangen, da hatten wir die Lichtung erreicht und der kranke Bruder und auch wir anderen aßen von den Heilkräutern, um uns zu stärken.

Der Waldbach auf der Wiese hat seit eh und je in seiner Mitte ein kleines Wasserbecken, aus dem wir gerne trinken und dorthin rief mich mein Onkel der Leithirsch und er sagte: "Lieber Neffe und Bruder, du hast uns gut geführt. Wir danken Dir sehr. Ohne Dich wäre unser Bruder vielleicht gestorben. Nun hat er neue Lebensenergie bekommen. Immer wusste ich, dass Du eine besondere Gabe hast und diese hat uns allen eine neue Möglichkeit gegeben. Schau Dich an im Wasser und sieh, wer Du bist und immer schon warst. Dein zweiter Name sei von nun an 'Golden Edge'. Und ich blickte ins Wasser und sah mein von einer goldenen Prägung umrahmtes Geweih und es gefiel mir. Sehr sogar. Und es gefällt mir noch immer."

Und dazu schüttelt er sein Haupt samt Geweih und nun sehe ich es auch, ein goldener Schein ist um die Ecken seines Geweihes sichtbar geworden.

"Für manche meiner Brüder und Schwestern bin ich immer noch das verschimmelte Hirschgeweih, sie sehen das goldene Glänzen nicht, aber es macht mir nichts mehr aus. Ich vertraue meiner Gabe und nutze sie dafür, zu helfen, wenn es nötig und gewünscht ist, um damit jemanden in der dunklen Nacht auf die heilende Kräuterwiese zu bringen. Es macht mir sehr viel Freude. Diese Besonderheit wurde mir gegeben, um zu helfen, wo Hilfe erforderlich ist und dann gehe ich voran und die, die auf die Kräuterwiese möchten, sie folgen mir dann."

Und er lacht! Ja wirklich, solltet ihr mal einen Hirsch lachen hören, dann bitte bleibt stehen und hört zu, denn darin ist der schönste magische Klang. Und lächelnd führt er fort: "Und stell Dir vor, das trägt sich sogar weiter. Einige in unserer großen Familie haben mittlerweile so einen goldenen Rand um ihr Geweih. Liebste Schwester, komm bald wieder, ich zeige Dir dann gerne unseren Kräutergarten!" Sagt es, wendet sich langsam um und geht mit sanftem Brummen in den Wald zurück.

So und nun hält mich nichts mehr und ich renne zum Becken des Waldbaches und schaue hinein. Und du wirst es vielleicht nicht glauben, was ich darin sehe! Oder vielleicht doch? Ja, ganz genau, du hast es erraten!

Und ich wende mich um und rufe "Vielen Dank und ja, ich komme gerne wieder, Golden Age! Ach, ich meinte natürlich Golden Edge!" Und aus dem Wald ertönt ein tiefes, brummendes Lachen.

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Doris Herzog

  • Die Lichtbloggerin ©
  • Sprech- und Schreibmedium
  • schriftstellerisch tätig

doris.herzog@imjetztleben.at