Cinderellas Schuh

Blog #2 - 2020 Jan

Ich habe geträumt, ich bin Cinderella. Ja genau, die Cinderella, die früher auch das Aschenputtel war. Der Traum beginnt mit jener Einstellung: Ich, also ich als Cinderella schreite die Treppe des Elternhauses hinab und unten steht mein Prinz. Jener Prinz mit dem zweiten Schuh in seiner Hand, um ihn mir feierlich anzuziehen, da ich ihn ja nach dem Ball verloren hatte. Ich schaue hinunter zu ihm und erblasse. Er hat keinen Schuh in seiner Hand!

„Da stimmt etwas nicht mit meinem Traum“ denke ich. „Was macht der Kerl am Treppenende ... ohne Schuh? Kein Schuh, kein Happy End!“, fährt es mir durchs Gemüt. Ich halte inne nach diesen ersten paar Schritten auf der Treppe und durchdenke im Schnelldurchgang das bekannte Märchen, fast so, wie man es sagt über jene Bilder, die man am Ende seines Lebens noch einmal im Schnelldurchlauf durchlebt.

Aschenputtel - allein - verlassen - böse Stiefschwestern - noch bösere Stiefmutter. Aber auch gute Fee - kraftvolle Naturgeister - liebevoll helfende Magie - schönes Ballkleid - tragende Kutsche. Dann der Ball - satte volle Stimmung - Schimmer - Flirten - Lust am Tanzen und am Leben. Und doch - wiederkehrende Beschränkung - Fliehen 5 vor 12 - Verlust des einen Silberschuhs und Magie, die um Mitternacht endet und zurückführt in die Realität und den Jammer eines verstaubten Hauses - eines überkommenen Karmas - zu alten Tränen und neuen dazu. Alles, wie gesagt, im Schnelldurchlauf.

„Okay, soweit so gut“, denke ich, „und jetzt wird der Prinz mir den zweiten Silberschuh präsentieren und unten am Treppenende feierlich an meinen Fuß stecken. Und dann gehen wir Arm in Arm hinaus aus dem Trauma-Haus hinein in das Schloss und leben dort ‚happily ever after‘ - ‚und wenn Sie nicht ...‘.

Aber da steht jetzt ein Prinz ohne Schuh! Da wird kein Märchen draus! „Warum lächelt mir der, zugegebenermaßen attraktive, Prinz trotzdem so liebevoll keck entgegen?“, frage ich mich, während ich eine weitere Stufe hinabsteige. Und jetzt fällt mir etwas auf. Ich sollte doch eigentlich hinken, mit nur einem Silberschuh an, oder? Tue ich aber nicht. Ich hinke nicht. Und ich schaue auf meine Füße und halte überrascht inne. Wie kommt das? Wie kann das sein? Ein Wunder? Da ist nicht ein Schuh. Da sind zwei Schuhe. An jedem Fuß einer. Ich habe doch tatsächlich beide Silberschuhe an.

Und wie ich wieder aufschaue, sehe ich unten die kleinen Mäuse fröhlich tanzend, jubelnd und klatschend und die Fee dreht sich schwungvoll im Kreis und der Prinz applaudiert ebenfalls euphorisch. Sie scheinen überhaupt nicht überrascht zu sein und klatschen freudig weiter, während ich die Treppe zu ihnen hinab schreite, etwas verunsichert zwar, aber irgendwie fühlt sich der Traum mittlerweile gut an. Galant bietet mir der Prinz seinen Arm und und wir schreiten hinaus aus dem alten Gemäuer, hinein in einen strahlenden sonnigen Tag.

Und da steht die Kutsche! Ähm, ... besser gesagt ein goldglänzender, lässiger Sportwagen. Der Prinz geht zur Fahrertür und öffnet sie - für mich - nickt kurz bejahend auf meinen fragenden Blick und schon sitze ich hinter dem Lenkrad und fühle mich wie Janet Bond 111. Er selbst geht zur Beifahrertür und setzt sich neben mich. Ich bin etwas verwirrt, denn so endet das Märchen normalerweise definitiv nicht. Vorsichtig schaue ich noch einmal auf meine Füße. Beide Schuhe, glänzend silbrig mit goldenen Fäden durchwoben. Ein Kunstwerk. Und beide habe ich an. Sie fühlen sich sehr gut an, sind sowohl elegant, als auch bequem, schmiegen sich an meine Füße und passen perfekt - und - wie ich schmunzelnd feststelle - auch zum Auto.

Ich lasse die Fensterscheibe runter und frage die Fee: „Du sag mal, stimmt das Märchen so?“ Und sie sagt, immer noch in den Hüften wiegend, als ob sie im Stehen tanze: „Es ist dein Märchen, also muss es ja stimmen. Du hast es umgeschrieben, heute über Nacht. Einfach magisch! Und das Coole daran ist, du musst deinen Schuh jetzt nicht mehr verlieren! Nie mehr! Kein Schuhverlust, kein Drama, kein 5 vor 12 mehr!“

„Nicht schlecht“, denke ich und sage „supergut!“. „Schöne, elegante und magische Schuhe, ein toller Sportwagen und ein Prinz als Mitfahrer. Kein schlechtes Ende eines Märchens.", und ich rufe der Fee zu: „supercooler Traum!“ Ich winke ihr und den immer noch applaudierenden Mäusen herzlich zu, gebe meinem Prinzen am Beifahrersitz einen lustvollen Kuss auf seine zufrieden lächelnden Lippen, lasse den Motor an ... und ... gebe Gas, so, dass die Kieselsteine wegspritzen und meine lieben Freunde draußen lachend und winkend einige Schritte vom Auto wegtreten. „Happily ever after“ singen wir und sind auch schon unterwegs, vorbei am Schloss und hinaus auf eine freie, gerade und schier endlos scheinende sommerliche Landstraße, hinein in unser eigenes Königreich.

„Schon ziemlich kitschig!“, lache ich, als ich den Augen aufmache.

Aber wer weiß, so ganz unter uns gesagt, vielleicht war es ja gar kein Traum?

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Doris Herzog

  • Die Lichtbloggerin ©
  • Sprech- und Schreibmedium
  • schriftstellerisch tätig

doris.herzog@imjetztleben.at